Gebrochene Lanze – Angriff auf die Gesellschaft

Montag morgen 9 Uhr in einem Krankenhaus. Das Krankenhaus in dem ich aufgenommen werden soll um mein Ileostoma zurück verlegen zu lassen. Ich melde mich auf der chirurgischen Station an und werde gebeten im Wartezimmer Platz zu nehmen und einen Fragebogen auszufüllen. Auf Station gibt es 12 Zimmer mit je zwei Betten, also 24 Patienten. Man kennt das wenn man schon mal dort war.

Im Wartezimmer saßen schon zwei Frauen, eine mit ihrem Mann. Die Zwei Frauen kannten sich irgendwoher, was die folgende Sache nicht besser machte.
Die eine Frau meinte zur anderen “…jetzt sitze ich schon seit halb sieben hier weil ich um sieben einen Termin zur Aufnahme habe und bin immer noch nicht dran…”. Die andere Frau, von der Sorte Schlappmaul, erwiderte aufs heftigste “…ja das geht ja mal gar nicht, so ein schlechtes Krankenhaus…”.
Ich behielt in diesem Moment meine Gedanken für mich, denn ich wusste noch nicht warum die zwei Frauen hier her bestellt wurden. Ich laß weiter die digitale Ausgabe einer Tageszeitung auf meinem Tablet, aber da die zwei Frauen scheinbar ein sehr hohes Mitteilungsbedürfnis hatten, blieb es nicht aus das ich bei den Gesprächen mithören musste. Mit weiterem zuhören merkte ich mehr und mehr wie egoistisch, engstirnig und mit wie viel Unverständnis es doch in unserer Gesellschaft mittlerweile zugeht.

Eine weitere ältere Frau betrat mit ihrem Gepäck das Wartezimmer. Sie sah sichtlich verängstigt aus, es war ihr ins Gesicht geschrieben das großes ansteht.
Die beiden anderen Frauen plapperten unaufhörlich weiter und zogen über dieses Krankenhaus und andere ärztliche Einrichtungen her. Von der einen Frau hatte ich mittlerweile mitbekommen, dass sie was an der Galle hat. Nicht verwunderlich wenn man sie gehört hat wie sie lebt und ihre Leibesfülle dazu gesehen hat. Das da die Galle dann eventuell keinen Bock mehr hat ihre Arbeit richtig zu verrichten wunderte mich nicht wirklich. Alles hat seine Gründe.
Die andere Frau war vom Typ Kettenraucherin da sie sagte sie würde am Tag ca. 60-80 Zigaretten rauchen. Sei meinte auch das sie fürs Rauchen eigentlich gar nicht genug Rente hätte, aber sie hat ja ihre Lebensversicherung, sprich ihren Mann. Der Grund warum sie unters Messer musste war mittlerweile auch im Wartezimmer bekannt. Die Venen in den Beinen sind ziemlich dicht und da müsse man was unternehmen.

Die altere Frau und ich wurden nun endlich teilweise erlöst, denn eine der Plappermaulfrauen wurde endlich in ihr Zimmer geleitet. Während wie abgeholt wurde, musste sie sich immer wieder beschweren weil sie “so lange” warten musste.
Was denken sich die Leute eigentlich was in so einem Krankenhaus gemacht wird. Zumindest lassen sie meistens Patienten nicht extra lange warten. Es hat immer seine Gründe, denn auf Station kann immer und zu jeder Zeit etwas dazwischen kommen auch wenn der Ablauf noch so gut geplant ist. Es kann immer den einen oder anderen Notfall geben bei den Patienten die bereits auf den Zimmern liegen. Gerade dann wenn sie frisch operiert sind was auf der chirurgischen Station generell der Fall sein kann.
Ich meinte nur beiläufig als die Kettenraucherin raus ging mit der Stationsleitung “…sie denken wohl auch das sie der Nabel der Welt sind und das nur weil sie hier sind alle gleich alles stehen und liegen lassen…”.
Das saß, selbst der Gallepatientin blieb die Spucke weg. Endlich war mal für einen kurzen Moment Ruhe und kein Gemecker im Raum. Dann fing die Galle an zu zetern “…das geht doch nicht ich bin jetzt schon zweieinhalb Stunden hier und es hat sich noch nichts getan…”. Ich dachte mir nur das dieser Mensch sehr dumm und engstirnig ist. Ein Krankenhaus ist kein Schnellimbiss dachte ich mir und ging auf ihr Gelaber erst gar nicht ein.

Die Kettenraucherin war schon mal aus den Augen und dem Sinn. Kaum war diese draußen meinte die zuletzt gekommene ältere Frau “…hoffentlich komme ich mit der nicht auf ein Zimmer, dann geh ich wieder…”.
Die ältere Frau hatte Glück, denn das andere Plappermaul mit der Galle kam bei der Kettenraucherin aufs Zimmer.

Die ältere Frau war 74 Jahre alt erfuhr ich dann als wir alleine Im Wartezimmer waren. 74 Jahre und Diagnose Krebs, nur wo überall das wisse sie zum aktuellen Zeitpunkt nicht und deswegen ist sie auch da. Sie soll eine Labraskopie und auch einen Port für die Chemo gesetzt bekommen. Sie hatte hauptsächlich Angst für dem Port. Diese Angst konnte ich ihr glaube ich ein wenig nehmen als ich sagte “…der Port ist noch das kleinste Problem wenn sie wirklich Krebs haben. Ich habe meinen Port letztes Jahr setzen lassen an dem Tag als ich nach meiner Darm-OP entlassen wurde.”.

Die OP für so einen Port dauert keine Stunde und man hat danach auch so gut wie keine Schmerzen. Es ist halt ungewohnt, aber man gewohnt sich schnell an das Stück Titan mit Silikon zwischen Schulter und Brust in einer Brustmuskeltasche. So ein Port ist eine feine Sache wenn man eine Chemo machen muss.

Aber ich schweife vom eigentlichen Thema ab. Ich wurde mittlerweile abgeholt und auf mein Zimmer gebracht. Die ältere Frau auch. Wir haben nicht gemeckert und waren nach knapp eineinhalb Stunden auf den Zimmern und konnten uns auf unsere OPs vorbereiten.

Was ich so unglaublich finde und was mir immer wieder aufstößt ist, dass so viele Menschen gnadenlos über unser Gesundheitssystem herziehen und obwohl sie ggf. noch nie in einem Krankenhaus waren vorschnell urteilen nur weil sie zur Aufnahme länger warten mussten als sie erwartet hatten.
Klar ist nicht alles in unserem Gesundheitssystem gut oder sehr gut, aber wir haben einen sehr hohen Standard im weltweiten vergleich. Man brauch nur in unsere näheren Nachbarländer schauen und sieht dann sehr schnell wie gut wir es eigentlich haben. Ich wette wenn man um die Umstände zum Beispiel in Italiens Krankenhäuser weiß, wollen alle lieber in ein deutsches Krankenhaus. Ich kenne die Umstände dort durch italienische Freunde!

Das Personal in Krankenhäusern arbeitet oft für einen Bruchteil an Geld wie das was man in Branchen verdient wo man nichts mit Menschen zu tun hat. Sie machen das in Krankenhäusern oft aus purem Idealismus. Der Berufung eben, seinen Dienst am Menschen zu leisten. Als Dank bekommt man dafür auch noch oft genug einen Tritt in den Allerwertesten. Ähnlich sieht es ja auch bei den Erzieherinnen im Land aus. Was sag ich, ihr wisst es selbst aber wollt es oftmals einfach nicht wahrnehmen. Solange es euch gut geht ist es euch ja auch total egal.

Ich bin froh das ich hier lebe und hier in ein Krankenhaus mit meiner Krankheit gehen darf und kann. Kein Verständnis habe ich für all die Gesundheitssystemnörgler die pro forma ständig meckern nur weil sie mal was gehört haben aber es noch nie selbst erlebten.


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7 thoughts on “Gebrochene Lanze – Angriff auf die Gesellschaft

  1. Oh, das kommt mir sehr bekannt vor. Als ich meinen Papa zu seiner Tumor-OP ins Krankenhaus gebracht habe, mussten wir 6 Stunden warten bis ihm ein Zimmer zugeteilt wurde und da haben wir so einige Menschen getroffen, die “Gift&Galle” gespritzt haben.
    Zugegeben nach guten 4 Stunden habe ich auch mal nachgefragt, ob man uns eventuell vergessen hätte. Denn eine Dame, die am lautesten schrie und als letzte kam, war bereits in ihr Einzelzimmer gebracht worden.

    Ich denke meinem Papa hat das ganze seine normalerweise innere Ruhe genommen, dass sie sich so laut über das Krankenhaus ausgelassen haben. Er wurde Stunde um Stunde sichtlich nervöser. Auf dem Zimmer war er dann aber mit ganz lieben, höflichen Menschen und das hat viel ausgemacht nach der OP und während der Genesung. Und am Ende waren wir auch sehr dankbar, wie schnell er einen Termin und Spezialisten für den Eingriff bekommen hat.

    • Ja 6 Stunden sind ja auch wirklich lange. Da hätte ich aber auch nachgefragt, aber nicht gemeckert. Man muss einfach mit Wartezeiten rechnen bei einer Aufnahme wenn man nicht gerade ein Notfall ist und akut behandelt werden muss.
      Es ist alles noch in einem vertretbaren Rahmen und ich wette das niemand tauschen möchte mit Menschen die in anderen Ländern leben und die nicht so ein gutes Gesundheitssystem wie wir haben.
      Danke für deinen Kommentar!

  2. Hallo Chris,
    ein Beitrag, der einen zum Nachdenken anregt…schön sind die langen Wartezeiten ja nun wirklich nicht, aber das Personal kann am allerwenigsten dafür und man bekommt überall mit, dass die Krankenhäuser total unterbesetzt sind . Von daher kann man schon auf das System an sich schimpfen, solange man es nicht an der Krankenpflegern e.t.c. auslässt!
    Ich hoffe, du hast deine OP gut hinter dich gebracht! Aus eigener Erfahrung weiß ich wie unangenehm und schmerzhaft das ist (hatte nach meinem Unfall vor 13 Jahren auch vorübergehend ein Ileostoma) …
    LG und alles Gute für dich,
    Netty

    • Hallo Netty,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ja ich habe die OP soweit sehr gut überstanden. Die erste Zeit ohne Stoma war verdauungstechnisch schon etwas schwer, aber es wird von Tag zu Tag besser. Endlich wieder selbstbestimmt pupsen war mein Wahlspruch :-)
      Es überrascht mich das du auch ein Stoma hattest. Toll das es sowas gibt muss ich sagen, denn sonst wäre ich heute nicht mehr unter den Lebenden.

      Es ist total richtig was du schreibst. Man sollte seinen Wartefrust nicht am Personal Vorort auslassen. Es ist ein Thema für die Politik in deren Richtung man die Missstände auch addressieren müsste, was viele sich nicht trauen oder sie sind einfach zu bequem…

      Lieben Gruß
      Chris

      • Hallo Chris,
        bei mir waren nach dem Unfall nicht nur die Knochen kaputt (Becken), sondern auch der Darm verletzt, deshalb musste ein Stück entfernt werden….ohne das hätte ich wahrscheinlich auch nicht überlebt, aber ich fand das damals schon ziemlich schlimm und war froh, als es wieder zurückverlegt wurde.
        Schön, dass du alles gut überstanden hast – das mit dem Pupsen ist klasse 😀 !
        LG, Netty

  3. Ich muss sagen, bis ich mein FSJ in der Psychiatrie angefangen habe, habe ich selbst auch zu den Nörglern gehört, wenn auch vielleicht nicht so extrem wie in deiner Geschichte. Aber wenn man selbst einmal auf der anderen Seite steht, bekommt man wirklich Respekt vor den Leuten, die jeden Tag im Pflegedienst oder in Krankenhäusern arbeiten. Und ein Danke bekommt man leider nur selten zu hören, vor allem in Krankenhäusern.

    • Hallo Alex,

      auch dir herzlichen Dank für deinen tollen Kommentar. Ich versuche, wenn ich in Krankenhäusern oder bei Ärzten bin, immer mich für die Leistung und allem was dazu gehört zumindest verbal zu bedanken. Ich finde das sollte zum guten Ton gehören und ein Danke tut keinem weh. Das Gegenüber bekommt die einfachste Art der Wertschätzung mit nur einem Wort und das sollte wirklich jeder hinbekommen, egal wie es einem geht.

      Lieben Gruß
      Chris

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